Spontaner Flug über die Alpen nach Zell am See

Bereits am 1. Juli stand fest: Das wird mein Kultding des Monats Juli. Ich war an diesem sonnigen Sonntag in München und habe mich nach sehr langer Zeit auf ein Wiedersehen mit meinem alten Freund Christian gefreut. Zu seinen momentan größten Leidenschaften zählt die Fliegerei, und zwar höchstpersönlich als Pilot und stolzer Besitzer eines Leichtflugzeugs Marke „TB 20 Trinidad“ (Für Kenner gibt es am Ende des Textes mehr Infos). Soweit, so schön. Noch hatte ich keine Ahnung, dass ich wenige Stunden später exakt in diesem Flieger sitzen und mit ihm über die Alpen fliegen würde.

Erst einmal fängt der Sonntagvormittag nämlich mit einem gemütlichen Plausch und einer Tasse Kaffee auf seiner Terrasse an. Dann überlegen wir, was wir an diesem milden Sommertag noch Schönes unternehmen können. Wandern fällt aus Zeit- und Verletzungsgründen (Zerrung in meinem rechten Fuß) aus. Kloster Andechs oder Starnberger See am Sonntagnachmittag? Nee – viel zu viel Trubel! Da meint Christian spontan: „Wie wär´s, wenn wir eine Runde über die Alpen fliegen?“ Hatte ich richtig gehört? Fliegen – Alpen – ich? Ich antworte sofort: „Wirklich? Das wäre ja großartig.“ und bin schon Feuer und Flamme.

Gesagt getan, ins Auto gesetzt und raus aus der Münchner City auf die Autobahn Richtung Altötting und Passau: Kurz hinter Ampfing ab auf die Landstraße bis zum Flugplatz Mößling im Landkreis Mühldorf, quasi auf halber Strecke zwischen München und Passau, ca. 40 km südlich von Landshut.

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Der kleine Sportflieger wird startklar gemacht.

Maschine checken und los

Dort angekommen, parken wir den Wagen und gehen zum Flieger-Parkplatz, wo das Maschinchen gut eingepackt auf uns zu warten scheint. Ich helfe Christian beim Auspacken und er erklärt mir, was vorab immer zu tun ist. Meine würdevolle – und extrem wichtige – Aufgabe: Fenster putzen und wienern, denn nichts ist schlimmer als Schmutz und Schlieren beim Blick aus dem Cockpit. Eine Spezialmischung aus Autowachs und Trockenshampoo im Wischwasser sorgt zudem für einen Film auf dem Plexiglas, damit keine Staubpartikel kleben bleiben.

Im Cockpit führt Christian diverse Checks über „Millionen“ kleiner Knöpfe durch: Tankfüllung, Bremskraft, Funktion der Tragflächen, Höhenmesser und, und, und. Am meisten irritiert mich, dass ich als „Co-Pilotin“ ebenfalls einen Steuerknüppel und zahlreiche Anzeigen direkt vor mir habe. Das gehört so, erklärt mir der „Chef“. Aber komisch ist es anfangs schon, dass sich mein Steuer während des Flugs synchron mit dem des Piloten bewegt.

Im Sportflieger über die Alpen #Kultding des Monats Juli 3

So viele Knöpfe, Anzeigen und Naivationsgeräte im Cockpit des Sportfliegers.

Nachdem wir startklar sind und den kleinen Flieger in die richtige Startposition geschoben haben, steige ich über markierte Stellen am Tragflügel in meine kleine „Beifahrer-Koje“ ein. Christian erklärt mir, wie der Funkkontakt mit dem Tower abläuft und die Gespräche untereinander über das Headset funktionieren (einfach losquatschen, der Tower hört nur mit, wenn der Pilot ein extra Knöpfchen drückt). Und dann wird es ernst.

Echo Charly und Gedöns – Fliegerlatein und eine Welt für sich

Die typisch nasale Funksprache mit dem Fluglotsen höre ich mit und verstehe halbwegs, dass es darum geht, die Startfreigabe zu erhalten. Der Lotse sitzt auf so einem kleinen Flugplatz nicht in einem echten Tower, sondern in einem kleinen verglasten Büro. In Deutschland sind das übrigens meistens Ehrenamtliche bzw. Vereinsangehörige des örtlichen Fliegerclubs, während es in Österreich auch auf den kleinen Flughäfen angestellte Fluglotsen gibt.

Keine 10 Minuten später starten wir in den blauen Himmel und ich freue mich wie ein kleines Kind. Wow, schon nach wenigen Höhenmetern erscheinen die Felder und Dörfer unter mir wie eine Spielzeuglandschaft. Schwuppdiwupp fliegen wir über den Chiemsee und erkennen deutlich die Herren- und Fraueninsel. Weiter hinten am Horizont sind schon die Alpen zu sehen. Während ich begeistert Fotos mache, gibt Christian immer wieder Infos an den Fluginformationsdienst (FIS bzw. weil er in Langen südlich von Frankfurt beheimatet ist, auch „Langen Information“ genannt) durch oder teilt den Flugplätzen der Umgebung unsere aktuelle Flugposition mit. Mal kündigt er an, dass wir höher fliegen („Steigen auf 5.500 Fuß.“), mal lässt er den regional zuständigen Fluglotsen wissen, dass unser Ziel der Flugplatz Zell am See ist. Ich lerne eine ganz eigene Welt kennen.

Hier ein Beispiel einer Sprechfunkverbindung:

Pilot: Langen Information, Delta Echo Charly…

FIS: Delta Echo Charly…, Langen Information

Pilot: Delta, Echo Charly…, (Angabe zum Flieger), Position Unterwössen, Wechsel zu Wien Information 1-2-4 komma 4, Squawk 7000.“

Verstehst du jetzt, was ich meine? :-)

Ganz nah am Wilden Kaiser

Ich vergesse die Zeit und finde das alles mega spannend, besonders als wir am „Wilden Kaiser“ vorbeifliegen, dessen Gebirgszüge mit Firnresten ich noch nie im Leben so nah gesehen habe. Ein großartiges Erlebnis, für das ich Christian sehr dankbar bin.

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Die Gebirgszüge mit Firnresten am Wilden Kaiser zum Greifen nah.

Kaum sind wir am faltigen Relief der ersten Berge vorbeigeflogen, öffnet sich wieder ein Tal (Kitzbühel unter uns) und schon liegt der nächste Gebirgszug vor uns. Nur eine halbe Stunde nach dem Abflug setzen wir schon zur Landung am Flugplatz in Zell am See an. Die Landebahn ist umrahmt von Bergen und daher extrem kurz. Trotz einer heftigen Böe kurz vor dem Aufsetzen, steuert Christian die Maschine einwandfrei auf den Boden. Hatte ich erwähnt, dass er schon 380 Flugstunden hinter sich hat? Davon 150 in den letzten 12 Monaten? Eine Frage, die ich vor dem Abflug aus Sicherheitsgründen noch schnell gestellt habe ;-) Als wir kurz danach im Flugplatz-Restaurant bei Apfelstrudel und Kaffee mit Schlagobers (wir sind ja jetzt in Österreich) sitzen, beobachten wir einen Flieger, der die Länge der Landebahn überschätzt hat und kurz vor der Landung noch viel zu schnell ist. Gerade als ich denke, jetzt knallt er voll in den Berg, zieht er die Nase des Fliegers hoch und entscheidet sich durchzustarten. Gut so! Alle Piloten auf der kleinen Terrasse atmen auf.

Nur fliegen ist schöner…

Nach der Pause in der Fliegerklause treten wir den Rückflug an. Dieses Mal über eine andere Route entlang der Uferlinie des Sees, dem „Zell am See“ seinen Namen verdankt. Auf den Berghängen am Kitzsteinhorn bin ich schon mit den Skiern heruntergewedelt. Jetzt sehe ich die Gegend mit sommerlich grünen Almwiesen bedeckt aus der Vogelperspektive und vergesse „Echo, Charly & Co.“ im Hintergrund. Ich rutsche noch etwas tiefer in den gepolsterten Sitz, schaue in die herrliche Landschaft und genieße dieses tolle Erlebnis.

So spontan und voller Überraschungen kann ein ganz normaler Sonntag im Juli sein!

Ach ja – hier noch die versprochenen Infos für Leichtflugzeug-Fans: Christians TB20 Trinidad ist ein Tiefdecker von Socata, einer französischen Firma, die nur 8 Jahre nach dem ersten Motorflug der Gebrüder Wright 1911 gegründet wurde. Erst Jahre später entstanden die bekannteren amerikanischen Firmen Piper und Cessna.

Falls du noch mehr wissen willst oder einen netten Kommentar hinterlassen möchtest, hast du hier die Möglichkeit. Oder du schreibst mir an simone@kultreiseblog.de. Flugtechnische Fragen leite ich gerne an „meinen“ Piloten weiter!

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Alle Fotos © Simone Blaschke