Die sind doch bekloppt, dachte ich mir Anfang dieses Monats, als ich bei 1 Grad Celcius Außentemperatur dick eingemummelt beobachtete, wie sich 23 Unverfrorene in Badehose und Bikini am Eixer See versammelten. Nur mit Wollmütze, Hut oder Badehaube auf dem Kopf standen sie wagemutig am Ufer des 3 Grad kalten Badesees im Niedersächsischen Peine (zwischen Hannover und Braunschweig an der A 2). Nach dem Kommando „3,2,1 los“ der örtlichen DLRG stürzten sie sich – freiwillig – in das 3 Grad kalte Wasser. „Eisbaden“ ist eben nur etwas für ganz Harte.

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23 Unverfrorene vor dem Sprung in den Eixer See nehmen es mit Humor und Wollmütze.

Sekundenbad im eisigen See

Kaum waren sie ein paar Sekunden lang drin, kamen die ersten auch schon wieder heraus. „Doch ganz schön kalt“, rief mir einer im Vorbeilaufen auf dem Weg in die warme Umkleidekabine zu. Manche waren mit ihrer Leistung unzufrieden und wagten einen weiteren mutigen Lauf in den eisigen See – nur um im nächsten Moment wieder schlotternd ans Ufer zurückzurennen. Wahrscheinlich stellten sie sich spätestens jetzt die Frage, die mir an diesem sonnigen, aber eiskalten Sonntagmorgen längst durch den Kopf gegangen war: Warum in aller Welt tut man sich das aus freien Stücken an?

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Auweia, ist das kalt. Kurz rein und gleich wieder raus, lautete bei einigen das Motto.

Eisbaden ist weltweit Kult

Mutprobe, Freizeitvergnügen, Aberglaube. Es gibt viele Gründe, warum das Winter- oder Eisbaden nicht nur in Deutschland ein weitverbreitetes Phänomen ist. In vielen Ländern der Nordhalbkugel, in denen zu Beginn des Jahres Gefriergrade herrschen, ist damit eine jahrzehntelange Tradition verbunden, ist Eisbaden quasi „Kult“.

Streng genommen gibt es zwei verschiedene Arten, sich in eisigen Gewässern aufzuhalten. Beim Eisbaden schlägt oder sägt man ein Loch in einen zugefrorenen See oder Fluss, um an dieser Stelle hineinzusteigen und unterzutauchen. Brrrh, schon beim dem Gedanken daran muss ich bibbern. Die Menschen in Russland oder Finnland sollen besonders hart gesotten sein. Ihnen sagt man nach, dass sie es minutenlang unter Wasser aushalten können.

Beim Eisschwimmen dagegen geht es tatsächlich um die sportliche Aktivität, also Schwimmen bei unter 5 Grad Celcius. Die ganz Harten bleiben bis zu einer Stunde im Wasser. Schon in den 1930er Jahren gab es Wettkämpfe für Ganzjahres-Schwimmer. Bis heute finden im Januar oder Februar in vielen Seen und Flüssen Wettkämpfe im Eisschwimmen, seit fast 20 Jahren sogar die Weltmeisterschaften im Winterschwimmen statt, zuletzt 2018 in Tallinn.

Die Polen zählen zu den ganz Harten

Neben Deutschland ist das Eisbaden in Russland, Norwegen und Finnland, aber auch in Großbritannien, Island und Osteuropa sehr verbreitet. Anfang Februar dieses Jahres trafen sich an der polnischen Ostseeküste in Mielno über 3000 Menschen zum jährlichen Internationalen Eisbadetag. Ja, den gibt es wirklich und die Polen zählen zu den ganz Harten. Den lebenden Beweis beobachtete ich höchstpersönlich als Zuschauerin an besagtem Sonntagmorgen am Eixer See: Ein 47-jährige Polin hielt es ganze 10 Minuten in dem 3 Grad kalten Wasser aus und wirkte so, als genieße sie das Winterschwimmen regelrecht. „Wir sind in Polen ganz andere Temperaturen gewohnt.“, sagte sie zu mir beim Rausgehen. Puterrot am ganzen Körper, nur eingehüllt in ihr Handtuch, stand sie völlig entspannt vor mir und erzählte, dass sie im Winter jedes Wochenende im kalten See badet. Für sie steht fest: Das stärkt ihr Immunsystem und wirkt hilfreich bei Arthrose und Rheuma.

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Diese Frau ist hart im Nehmen. Mehr als 10 Minuten schwamm sie in 3 Grad kaltem See.

Ist Eisbaden wirklich so gesund?

Auch wenn diese Polin von der gesundheitlichen Wirkung überzeugt ist. Der positive Effekt, der dem Eisbaden nachgesagt wird, ist bisher wissenschaftlich nicht erwiesen. Wohl aber sollten Menschen unbedingt gesund sein, bevor sie sich ins eiskalte Gewässer stürzen. Darauf wies die DLRG-Betreuerin am Eixer See alle TeilnehmerInnen bei der Begrüßung noch einmal explizit hin. Wer unter Herz-Kreislauf- oder Gefäßproblemen leidet, riet sie, sollte draußen bleiben. Oder anders gesagt, wer es trotzdem wagt, für den wird keine Haftung übernommen.

Fit sein ist das eine, zusätzlich brauchen Eisbadende aber vor allem eins: gute Nerven, um den inneren Schweinhunde zu überwinden. Das schafften drei Frauen am Eixer See mit einer ganz einfachen Taktik: sie nahmen sich an der Hand und liefen gemeinsam hinein (s. Video).

 

Regelmäßig nach dem Sport kalt duschen oder mehrfach wöchentlich in die Sauna soll die Überwindung erleichtern, verriet mir einer der Teilnehmer aus Peine. Und Humor scheint ebenfalls zu helfen, denn einige Eis-Badende hatten sich zumindest eine lustige Kopfbedeckung ausgedacht. Für mich reichte das Vergnügen, das ich beim Zuschauen hatte vollkommen aus. So schnell bringt mich keiner dazu, an einem eiskalten Februar-Morgen die dicke Jacke gegen einen Badeanzug einzutauschen. Da schaue ich doch lieber zu.

Hast du schon einmal beim Eisbaden mitgemacht oder würdest du es ausprobieren? Ich bin auf deinen Kommentar gespannt und vielleicht überzeugst du mich sogar, es doch mal zu versuchen?

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Eisbaden? Ich halte ich mich lieber an die Anweisung auf dem Schild :-)

 

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Fotos © Simone Blaschke (Die abgebildeten Personen erklärten sich zu Beginn der Veranstaltung nach Aufklärung durch die DLRG-Verantwortlichen mit der Veröffentlichung in Print- und Online-Medien einverstanden.), Beitragsfoto: Ezra Comeau Jeffrey (frei verwendbar über unsplash.com)