Nordland Kreuzfahrt – Teil 1

Drei Seetage bei Windstärke 10 Richtung Island

Meine allererste Hochseekreuzfahrt nach Island, Spitzbergen und Norwegen startete am 14. Juli und es ging gleich (natur)gewaltig zur Sache. Nachdem wir Bremerhaven verlassen hatten, dauerte es nicht lange bis der Kapitän auf unserer Strecke Richtung Schottland ein Islandtief ankündigte. Ich hatte mir, ehrlich gesagt, vorher keine Gedanken über das Wetter auf hoher See gemacht. Ich freute mich einfach auf eine spannende Reise an Bord der MS Deutschland (ehem. „Das Traumschiff“, jetzt Teil der Flotte von Phoenix Reisen).

Starker Seegang

Windstärke 10 und 8 Meter hohe Wellen (Foto: Simone Blaschke)

Als ich dann aber nachts im Bett unangenehme Achterbahngefühle spürte und am nächsten Morgen meterhohe Wellen durch mein Kabinenfenster sah, dachte ich nur „Respekt“. An den nächsten beiden Seetagen folgte ich meinem Instinkt: 1. Regelmäig essen, der Magen muss was zu tun haben. 2. Nicht zu viel trinken, sonst schwappt zu viel Flüssigkeit im Magen hin und her. 3. Bewegung an der frischen Luft, sofern das irgendwie an Deck möglich war. Das funktionierte sogar. Im Gegensatz zur Hälfte der 450 Gäste an Bord, die seekrank in der Kabine lagen, ging es mir verhältnismäßig gut.

Westermännerinseln im Süden von Island

Land in Sicht! Da sieht man  drei Tage kein Land und freut sich wie Bolle, wenn sich erste Konturen am Horizont abzeichnen. Heimaey (gesprochen: Häimäi), die größte und einzige ständig bewohnte Insel der Westermänner Inselgruppe vor Islands Südküste, war der erste Zielhafen meiner Reise. Weil wir wegen der ruppigen See spät dran waren, entschied unser Captain kurzerhand, nicht zu tendern*, sondern direkt in den Hafen einzufahren. Beim Anblick der engen Passage ein echtes Kunststück. Das fanden auch die Bewohner des kleinen Ortes, die von allen Seiten zum Hafen liefen. Wie uns der Lotse verriet, war noch nie zuvor ein so großes Schiff direkt in den Hafen von Heimaey eingelaufen. Gemeinsam mit den Einwohnern erlebten wir also eine echte Premiere.

Bewohner von Heimaey leben im aktiven Vulkangebiet

Gegen 20 Uhr war es vollbracht. Unser Schiff lag majestätisch im Hafen der kleinen Stadt.

Heimaey mit Kreuzfahrtschiff

MS Deutschland in Heimaey (Foto: Simone Blaschke)

Den knapp zweistündigen Aufenthalt nutzten wir für einen ausgiebigen Fußmarsch durch den Fischerort und die Landschaft mit dem alles überragenden Vulkan Eldfell. Der brach zuletzt 1973 aus, und zwar so schnell und heftig, dass die Lava fast alle Häuser unter sich begrub. Dank einer Fischereiflotte, die gerade im Hafen lag, konnten alle Inselbewohner rechtzeitig evakuiert werden. Es dauerte Jahrzehnte, aber inzwischen ist das Dorf wieder vollkommen neu aufgebaut.

Heimaey Westermänner Inseln

Eldfell Vulkan in Heimaey (Foto: Simone Blaschke)

Eyjafjallajoekull gibt sich die Ehre

Nach dem Ablegen mit Kurs auf Reykjavik tauchte kurz vor Sonnenuntergang aus dem Dunst der Wolken noch eine kleine Berühmtheit auf: Eyjafjallajoekull. Ja genau, der isländische Vulkan mit dem unaussprechlichen Namen, der bei seinem letzten Ausbruch 2010 den gesamten europäischen Flugverkehr lahm legte. Mächtig, schneeebedeckt, aber vollkommen harmlos gab er uns an diesem Abend die Ehre.

Eyjafjallajoekull Island

Eyjafjallajoekull (Foto: Simone Blaschke)

Rauschende Wasserfälle und drollige Geschichten

Dunkle Vulkane, weiße Gletscher, rauschende Wasserfälle, heiße Quellen und dazwischen endlose moosgrüne Flächen, so ist Island. Und dann noch die lustige Sprache aus Wikingerzeiten, die von den herzerfrischenden Isländern stolz gehegt und gepflegt wird. Spätestens mit dem „Uuh- uuh –uuh“-Klatschgesang der isländischen Fußballnationalmannschaft bei der EM 2016 haben die Isländer als sympathisches, offenes und selbstbewusstes Völkchen die Herzen der Zuschauer erobert. Vor Ort bestätigt sich der positive Eindruck. Und noch etwas fällt auf: Ulkige Erzählungen über Elfen und Trolle gehören genauso zu Island wie die zahlreichen Mythen über die Wunder der Natur. Um die Entstehung des Gulfoss nordöstlich von Reyjkavik, einer der schönsten Wasserfälle Islands, kursieren gleich mehrere Geschichten. Eine davon berichtet von einem reichen Bauernsohn auf der anderen Seite des Flusses, der sein Gold nicht teilen wollte und lieber in den Fluss schüttete. So entstand der „Goldene Wasserfall“, in dem das Wasser über zwei im rechten Winkel zueinander stehenden Kaskaden in 11 und 21 Meter Höhe laut tosend in die Tiefe rauscht. Mir ist eigentlich egal, wie er entstand, sein Anblick ist so oder so sagenhaft.

Gulfoss Wasserfall

Gulfoss „Goldener Wasserfall“ (Foto: Simone Blaschke)

Apropos Sagen und Legenden! Eine Geschichte stimmt mit Sicherheit. Die von der Isländerin Sigríður Tómasdóttir, die in der Nähe des Wasserfalls lebte und bis zum Äußersten ging, um den Bau eines Staudamms durch eine englische Firma im Jahr 1920 zu verhindern. Nach einem jahrelangen Rechtsstreit sah sie keinen anderen Ausweg, als zu drohen, sich in die Fluten zu stürzen. Erst daraufhin lenkten die Engländer ein und gaben ihr Vorhaben auf. Zum Glück für uns!

Wenn Geysire spucken und Wasserlöcher stinken

Die heißen, geothermalen, nach Schwefel riechenden Quellen und Geysire auf Island sind neben den Vulkanen die bekanntesten Naturphänomene der Insel. Wer bis jetzt noch nicht verstanden hat, wie Vulkanismus funktioniert, lernt es spätestens hier zwischen all den heißen Wasserlöchern am lebenden Objekt. Wenn der noch aktive Geysir Strokkur alle paar Minuten mit voller Wucht heißes Wasser aus der Erde spuckt, ahnt man, wie sehr es unter der Erdoberfläche brodelt. Das wird auch noch eine Weile so weitergehen, denn in der geologischen Zeitrechnung gilt Island als jüngste Vulkaninsel der Welt.

Zum krönenden Abschluss des ersten Teils meiner Nordland Kreuzfahrt nahm ich noch ein schönes heißes Schwefelbad in der Thermalanlage „Jarðböð“ im nördlich gelegenen Mývatn-Seegebiet.

Insgesamt vier Schnuppertage mit zahlreichen Ausflügen sind weiß Gott zu wenig für Island. Aber genug, um zu beschließen: Island, ich komme wieder – mit viel mehr Zeit.

Alle Fotos ©: Simone Blaschke

Reise 2016

*Beim Tendern legt das Kreuzfahrtschiff nicht im Hafen an, sondern liegt in einiger Entfernung vor Anker. Für den Landgang der Passagiere werden kleinere motorisierte Boote benutzt, die wie die Rettungsboote an den Seiten des Schiffs hängen.